Novemberrevolution

Im November 2018 jährt sich zum 100sten Mal die Novemberrevolution in Deutschland. Sie führte zur Abdankung des Kaisers und zur Errichtung der ersten parlamentarischen Demokratie auf deutschem Boden. Rückblickend betrachtet standen die Zeichen für das Gelingen einer Revolution wohl selten so günstig wie im November 1918. Doch die tatsächlichen Errungenschaften der Revolution blieben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Dies ist heute noch spürbar.

Im Herbst 1918 waren die Deutschen desillusioniert von der bevorstehenden Niederlage im Ersten Weltkrieg, den das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn vier Jahre zuvor vom Zaun gebrochen hatten. Hinzu kam die Verelendung breiter Bevölkerungsteile und der Unmut über fehlende Möglichkeiten zur politischen Mitbestimmung. Als bekannt wurde, dass die Marineleitung ihre Schiffe trotz eines Waffenstillstandsgesuchs der Obersten Heeresleitung in eine letzte Schlacht gegen die Royal Navy schicken wollte, meuterten Anfang November 1918 die Kieler Matrosen. Die Aufstände weiteten sich auf das gesamte Reichsgebiet aus, es wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, die die Abdankung des Kaisers und der Landesfürsten erzwangen.

Nach vorherrschender Meinung innerhalb der SPD war die Revolution mit der Abdankung des Kaisers bereits vollendet. Die Parteiführung setzte zur Einführung einer parlamentarischen Demokratie auf die Kooperation mit den alten Eliten des Kaiserreiches und sicherte ihrem Parteivorsitzenden Friedrich Ebert so das Amt des Reichskanzlers. Im Gegensatz dazu strebten Arbeiter- und Soldatenräte, Gewerkschaften und die USPD eine grundlegende Umgestaltung von Justiz und Verwaltung sowie die Unterstellung kriegswichtiger Wirtschaftszweige unter die Kontrolle der Arbeiter an. Am 10. November organisierten Arbeiter- und Soldatenräte Wahlen zu einem „Rat der Volksbeauftragten“, der die demokratische Grundlage für diese Umgestaltung schaffen sollte. Der Rat der Volksbeauftragten beschloss am 12. November die Einführung des Acht-Stundentages und der Pressefreiheit sowie die Ausweitung der Arbeitslosenversicherung und die Vergesellschaftung der Schwerindustrie. In Zusammenarbeit mit der alten kaiserlichen Verwaltung und Justiz hebelte die SPD-Führung die Beschlüsse des Rates jedoch systematisch aus. Wertvolle Zeit, die man bis zum Zusammentreten einer verfassunggebenden Nationalversammlung hätte nutzen können, um ein neues System auf Grundlage eines dritten Weges zwischen den beiden Extremen Kapitalismus und Bolschewismus zu etablieren, wie es unabhängigen Sozialdemokraten und Sozialisten vorschwebte, blieb ungenutzt. Als sich am 16. Dezember ein Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte konstituierte, ließ Ebert dessen Abgeordnete durch die Reichswehr zusammenschießen. Der Bruch innerhalb der Linken, der sich bereits 1914 mit der Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten angekündigt hatte, war endgültig vollzogen. Um die Jahreswende 1918/1919 kam es zu einer zweiten Revolutionswelle und zur Gründung der KPD. In der ersten Hälfte des Jahres 1919 wurden Arbeiter- und Soldatenräte überall in Deutschland aufgelöst, tausende Menschen starben bei den Kämpfen. Am Ende stand die Zerschlagung der Münchner Räterepublik am 2. Mai 1919. Am 11. August 1919 wurde die Weimarer Reichsverfassung verabschiedet. Doch der Bruch der Arbeiterparteien SPD, USPD und KPD sollte sich durch die gesamte Zeit der Weimarer Republik hindurch fortsetzen. Als 1920 ein Betriebsrätegesetz in Kraft trat, das hinter den Möglichkeiten der neuen Reichsverfassung zurückblieb, riefen Gewerkschaften, USPD und KPD zum Streik auf. Die sozialdemokratische Reichsregierung rief die Armee hinzu und ließ die Streikenden zusammenschießen. Als sich 1923 in Mitteldeutschland als Resultat freier Wahlen Regierungen aus SPD und KPD bildeten, ließ Friedrich Ebert, mittlerweile Reichspräsident, auch diese unter Einsatz der Reichswehr gewaltsam zerschlagen. Dieser fortwährende Konflikt machte es quasi unmöglich, sich auf eine gemeinsame Strategie gegenüber dem erstarkenden Nationalsozialismus zu einigen.

Die Auseinandersetzungen der großen Arbeiterparteien zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind bis heute Ursache unterschiedlicher Geschichtsnarrative, die sich auch im unterschiedlichen Selbstverständnis von SPD und LINKE wiederfinden. Am deutlichsten sichtbar wird dies an der Wahl der Namen für die politischen Stiftungen der beiden Parteien, wurde doch Rosa-Luxemburg, Namensgeberin der Stiftung, welche der LINKEn nahesteht auf Geheiß der SPD-Führung unter Friedrich Ebert ermordet, dem Namenspatron der gleichnamigen SPD nahen Stiftung.

2018-09-27T10:15:49+02:0027. September 2018|